Fluchtnovelle

Flucht-
novelle

Vorder- und Rückseite des Bucheinbands der vierten Ausgabe von "Fluchtnovelle" von Thomas Strässle, 2024.

Zusammenfassung

1

Der Kopf

Das erste Kapitel ist rückblickend aus der Perspektive des lyrischen Ichs erzählt und führt in eine Stadt, die es aus seiner Kindheit kennt. Im Mittelpunkt steht eine große Statue – ein monumentaler Kopf –, an dem sich Erinnerung und Geschichte verdichten. Als Kind hielt sich das lyrische Ich mit seinen Eltern häufig in dieser Stadt auf, meist bei Besuchen der Großmutter. Da deren Wohnung klein war, verbrachten sie viel Zeit im öffentlichen Raum: auf Märkten, in Cafés und beim Spazierengehen. Während die Erwachsenen gingen, rannte der Junge umher und nahm die Stadt spielerisch in Besitz. Auch die Statue war ihm vertraut; er wusste damals, wem der Kopf gehörte, weil seine Eltern ihm davon erzählt hatten.

Ein prägendes Ereignis bleibt besonders haften: Eines Tages liegen Blumensträuße vor der Statue. Der Junge nimmt spontan einen davon an sich und schenkt ihn seiner Mutter. Diese reagiert erschrocken, legt den Strauß hastig zurück und blickt sich nervös um – aus Angst, jemand könne die Handlung beobachtet haben. Später behauptet die Mutter immer wieder, der Kopf sei seit diesem Vorfall bewacht worden. Die Szene verdeutlicht erstmals die unterschwellige Angst und politische Brisanz, die mit dem Ort verbunden sind.

2

Gesichtertausch

Das zweite Kapitel spielt in den 1960er-Jahren in der Schweiz und beginnt in einem Gemeindeamt. Eine junge Frau beantragt einen neuen Pass. Der zuständige Beamte kennt sie noch aus ihrer Kindheit und zweifelt, ob sie tatsächlich die Person auf dem eingereichten Passfoto ist. Nach langem Zögern entscheidet er sich dennoch, die Unterlagen an das kantonale Passbüro weiterzuleiten.

Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass es sich bei der Frau um eine frühere Freundin des Vaters des lyrischen Ichs handelt. Sie lebt in einem Dorf in der Ostschweiz unter bescheidenen Verhältnissen. Ihr Vater, ein Arzt aus Leipzig, war kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz emigriert. Durch Verwandtenbesuche kennt sie die politischen Zustände in der DDR.

Der Vater des lyrischen Ichs nutzt diese Verbindung für einen gefährlichen Plan: Seine neue Freundin aus der DDR – die spätere Mutter des lyrischen Ichs – soll mithilfe eines falschen Passes in den Westen gelangen. Die frühere Freundin soll einen Pass auf ihren eigenen Namen beschaffen, jedoch mit dem Foto der Frau aus Dresden. Aufgrund ihrer religiösen Überzeugung sträubt sie sich zunächst, lässt sich aber schließlich überreden. Das Passfoto lässt der Vater bei einem Besuch in Dresden anfertigen; die beiden Frauen ähneln sich äußerlich genug, um die Täuschung möglich erscheinen zu lassen.

Während er auf den Pass wartet, übt der Vater die Unterschrift seiner früheren Freundin nachzuahmen – diesmal mit der Handschrift seiner neuen Partnerin, um die Fälschung zu perfektionieren. Am Ende des Kapitels wird ein Auszug aus dem damaligen Schweizer Strafgesetzbuch eingefügt, der die Schwere des begangenen Delikts unterstreicht: Die Täuschung eines Beamten konnte mit mehrjährigen Haftstrafen geahndet werden. Damit erhält die persönliche Geschichte eine klare rechtliche und moralische Dimension.

3

Im Haus der Roten Armee

Das dritte Kapitel schildert das Kennenlernen der Eltern des lyrischen Ichs im Jahr 1965 und unterscheidet sich formal deutlich von den vorherigen: Die gesamte Erzählung besteht aus direkter Rede. Vater und Mutter erzählen abwechselnd kurze Erinnerungsfragmente, ergänzen sich gegenseitig oder widersprechen einander, sodass die Unsicherheit des Erinnerns sichtbar wird. Die Begegnung findet in Erfurt statt. Die Mutter ist mit einer Exkursionsgruppe der Kunsthochschule Dresden unterwegs, der Vater mit einer Seminargruppe aus Zürich auf Studienreise zu den Weimarer Gedenkstätten rund um Goethe und Schiller. Zufällig treffen sich beide Gruppen eines Abends im „Haus der Roten Armee“. Der Vater und die Mutter kommen ins Gespräch und tanzen miteinander.

Am nächsten Morgen begegnen sich die Gruppen erneut zufällig am Bahnhof und fahren gemeinsam nach Weimar. Der Vater liest dabei mit auffälligem Interesse die DDR-Tageszeitung Neues Deutschland, insbesondere die Auslandsnachrichten, die jedoch kaum informative Inhalte bieten. Auch die Abende verbringen die Gruppen weiterhin zusammen. Am folgenden Tag hat der Vater Geburtstag, und die Mutter schenkt ihm eine Schallplatte.

Beim Abschied kommt es zunächst zu einer Verwechslung der Adressen, die jedoch durch Nachfragen in den jeweiligen Gruppen aufgeklärt wird. Ein prägnanter Dialog beschließt die Erinnerung: Der Vater sagt, er würde am liebsten alle in seinen Rucksack stecken und mitnehmen, worauf die Mutter erstaunt nachfragt: „Alle?“ – „Ja.“

Die fragmentarische Erzählweise macht deutlich, dass Erinnerungen lückenhaft sind und zeitliche Abläufe nicht mehr eindeutig feststehen. Gerade dadurch gewinnt die Begegnung an Authentizität und emotionaler Tiefe.

4

Berliner Einbahnstraße

Das vierte Kapitel verbindet erzählende Passagen mit dialogischen Rückblicken der Eltern und erweitert die private Geschichte um einen klaren politischen Kontext. Zunächst wird das diplomatische Verhältnis zwischen der Schweiz und der DDR in den 1960er-Jahren erläutert. Die Schweiz erkannte die DDR erst 1972 offiziell an. Zuvor galt die Bundesrepublik Deutschland als alleinige Vertretung Deutschlands, weshalb sich die Schweizer Botschaft in Bonn befand. In Ost-Berlin existierte lediglich eine „Schweizerische Delegation“, die faktisch die Aufgaben eines Generalkonsulats erfüllte. Diese war in einem repräsentativen Stadtpalais untergebracht, das den Krieg fast unbeschadet überstanden hatte und seit 1919 im Besitz der Schweiz war.

Im dialogischen Mittelteil schildern Vater und Mutter, wie sich ihre Beziehung nach dem ersten Kennenlernen vertiefte. Der Vater entscheidet sich bewusst für ein Auslandssemester in West-Berlin, um leichter nach Ost-Berlin reisen zu können. Während des Wintersemesters treffen sie sich mehrfach im „Haus des Lehrers“ am Alexanderplatz, begleitet von Freunden und Studienkollegen. Sie sprechen über Kinobesuche, Filme und frühere Beziehungen; dabei wird deutlich, dass ihre Bindung immer enger wird. Der Vater schafft es mit großem administrativem Aufwand, sowohl an der Freien Universität als auch zeitweise an der Humboldt-Universität zu studieren. Die Mutter kehrt nach Dresden zurück und lädt ihn bald darauf ein, sie und ihre Eltern zu besuchen – aus wenigen geplanten Tagen werden schließlich drei Wochen.

Am Ende des Kapitels übernimmt wieder die Erzählerstimme des lyrischen Ichs. Der Vater sucht die Schweizerische Delegation in Ost-Berlin auf und bittet den Delegationschef um Rat, wie er die Mutter in die Schweiz holen könne. Die knappen, abweisenden Antworten machen die Grenzen diplomatischer Hilfe deutlich: Man solle sich nicht in die Angelegenheiten anderer Staaten einmischen, im Ernstfall könne keine Unterstützung geleistet werden, und eine Ausreisehilfe sei unmöglich, da die Frau keine Schweizerin sei. Der Eindruck entsteht, dass selbst halb-legale Möglichkeiten hier bewusst ausgeschlossen werden.

5

Peking oder Damaskus

Nach der Enttäuschung bei der Schweizer Delegation gibt der Vater seinen Plan nicht auf. Solange er einen Hörerschein der Humboldt-Universität besitzt, kann er weiterhin zwischen West- und Ost-Berlin reisen. Trotz der ungewissen Zukunft erlebt das Paar eine Phase intensiven persönlichen Glücks.

Der Vater prüft nun alternative, teils abwegig wirkende Möglichkeiten. Ein Gerücht besagt, dass die Schweizer Botschaften in Peking und Damaskus über zivilstandsrechtliche Befugnisse verfügten und Ehen schließen könnten, was eventuell zur Schweizer Staatsbürgerschaft führen würde. Mangels verlässlicher Informationen und aufgrund der offensichtlichen praktischen Hürden wird diese Idee jedoch verworfen. Auch der Kontakt zum westdeutschen „Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen“, der DDR-Bürger rechtlich berät, bringt keine Lösung: Einen legalen Weg, die Frau aus der DDR in die Schweiz zu holen, kennt man dort nicht.

Die Optionen Peking und Damaskus tauchen noch einmal kurz auf, erweisen sich jedoch erneut als unrealistisch: Für China wären spezielle Studienprogramme notwendig, nach Syrien konnten gewöhnliche DDR-Bürger ohnehin nicht reisen. Schließlich führen die vielen Kontakte des Vaters zu einem Studenten-Anwalt mit später extremen politischen Wendungen in seinem Lebenslauf. Dieser verweist den Vater schließlich an einen weiteren Anwalt – ein neuer, ungewisser Hoffnungsschimmer.

6

Im Vogelkäfig

Das sechste Kapitel schildert ein entscheidendes Gespräch des Vaters mit einem Anwalt in Ost-Berlin. Der Titel wirkt sinnbildlich: Wie in einem Käfig bewegen sich die Figuren in einem System aus Kontrolle, Abhängigkeit und unsichtbaren Grenzen.

Schon zu Beginn wird deutlich, wie wichtig persönliche Kontakte sind. Der Anwalt interessiert sich zunächst dafür, wie der Vater überhaupt zu ihm gefunden hat – Beziehungen und Empfehlungen sind hier der Schlüssel zu allem. Schnell erkennt er jedoch das eigentliche Anliegen. Auf die Aussage des Vaters, er wolle eine Frau heiraten, reagiert er zunächst scheinbar harmlos: Niemand hindere ihn daran. Erst als klar wird, dass der Vater nicht in der DDR leben, sondern die Frau in den Westen holen will, verschiebt sich der Ton.

Auf die Frage des Anwalts, warum er nicht einfach in der DDR bleiben wolle, hat der Vater keine Antwort. Diese Möglichkeit haben weder er noch die Mutter je ernsthaft in Betracht gezogen. Ihre gemeinsame Zukunft existiert in ihrer Vorstellung ausschließlich im Westen. Damit wird auch eine innere Grenze sichtbar: Nicht nur der Staat, sondern auch ihre eigenen Lebensentwürfe schließen bestimmte Wege aus.

Der Anwalt macht unmissverständlich klar, dass er den Vater theoretisch melden könnte. Doch statt einer Drohung folgt ein Angebot: die Möglichkeit, die Frau „freizukaufen“. Auf Grundlage ihrer Ausbildung, Arbeitskraft und gesellschaftlichen Funktion könne ein Geldbetrag berechnet werden, der den wirtschaftlichen Verlust für die DDR ausgleichen solle. Der Mensch wird hier offen zu einem ökonomischen Wert reduziert.

Die geforderte Summe von über 50.000 Mark ist für das Paar jedoch völlig unerreichbar. Das Gespräch entlarvt ein System, in dem Freiheit zur Ware wird und in dem Macht, Geld und die richtigen Kontakte über Lebenswege entscheiden. Der „Vogelkäfig“ steht damit nicht nur für die Lage der Mutter, sondern für die gesamte Situation: ein enges Geflecht aus Kontrolle, Angst und scheinbaren Optionen, die in Wahrheit kaum Auswege bieten.

7

Hin und Her

Das siebte Kapitel ist kurz, aber strukturell sehr dicht. Es besteht aus mehreren Absätzen, die jeweils ein anderes „Hin und Her“ im Leben der Eltern beschreiben. Dieses wiederkehrende Motiv macht die Zerrissenheit der Situation deutlich.

Zunächst geht es um das Hin und Her der Briefe. Da Telefonate zu gefährlich wären, kommunizieren die beiden schriftlich. Die Mutter pendelt zwischen Karl-Marx-Stadt und Dresden und besitzt an beiden Orten ein Zimmer. Der Vater schickt seine Briefe abwechselnd an beide Adressen, damit die häufige Post aus der Schweiz nicht auffällt. Auch seine eigenen Reisen verlaufen als ständiges Hin und Her zwischen Zürich und der DDR, ermöglicht durch verschiedene Aufenthaltsgenehmigungen.

Ein weiteres „Hin und Her“ betrifft die Lebensentscheidung selbst: Bleiben oder gehen? Beide sind sehr jung – er 23, sie 21 – und beginnen zu zweifeln, ob ihr Plan realistisch ist. Selbst wenn die Flucht gelingen sollte, müssten sie Familie, Herkunft und bisheriges Leben vollständig zurücklassen. Die innere Unsicherheit wächst.

Hinzu kommt das Schwanken zwischen legal und illegal. Inzwischen ist klar, dass es keinen legalen Weg gibt. Damit rückt die Frage ins Zentrum, ob es sich lohnt, unter Lebensgefahr zu fliehen. Schließlich beschreibt das Kapitel auch ein nächtliches Hin und Her: Schlaflosigkeit, Angst und Unruhe prägen den Alltag. Die äußere Grenzsituation spiegelt sich in einem inneren Ausnahmezustand.

8

Absatz 2

In diesem Kapitel rückt erstmals das lyrische Ich selbst in den Mittelpunkt. Es berichtet aus der Ich-Perspektive von einer Reise im Sommer 1993, im Alter von 21 Jahren. Anlass ist der Besuch einer Freundin in Prag, doch es wählt bewusst einen Umweg über Städte wie Eisenach, Erfurt, Weimar, Chemnitz und Dresden. Es möchte die Orte seiner Kindheit wiedersehen und prüfen, wie sehr sich die Landschaften und Städte kurz nach der Wende verändert haben.

Gleichzeitig verfolgt es ein zweites Ziel: Es will die Rechtslage der DDR zur sogenannten Republikflucht verstehen. Es folgt eine sachliche, fast dokumentarische Darstellung der Gesetzesgeschichte. Zunächst galt nach 1945 noch das Reichsstrafgesetzbuch von 1871. Erst 1968 erhielt die DDR ein eigenes Strafgesetzbuch, nachdem frühere Entwürfe gescheitert waren. Darin wurde die Grenzsicherung umfassend geregelt: Nicht nur die Flucht selbst, sondern auch deren Vorbereitung oder Unterstützung standen unter Strafe.

Bereits das Passgesetz von 1954/57 bedrohte unerlaubtes Verlassen oder Betreten der DDR mit Haft. Auch das Mitführen von Werkzeugen zur Beschädigung von Grenzanlagen, das Fälschen von Dokumenten oder die Planung einer Flucht wurden hart geahndet. Die nüchterne Darstellung macht deutlich, wie stark das System juristisch gegen Ausreiseversuche abgesichert war.

Das lyrische Ich kauft alte DDR-Gesetzestexte und Dokumente, die inzwischen kaum noch Wert besitzen. Ein Buchhändler vermittelt ihm einen ehemaligen DDR-Anwalt. In einem Café erzählt dieser aus seiner Praxis, erläutert Zusammenhänge und Anekdoten, möchte jedoch namentlich nicht genannt werden. Selbst Jahre nach dem Mauerfall ist Misstrauen spürbar – die Vergangenheit wirkt fort.

9

Testflüge

Im neunten Kapitel kehrt die Erzählung wieder zur Geschichte der Eltern zurück. Der Vater reist häufig von Zürich über Prag nach Dresden, da diese Route die schnellste Verbindung darstellt. Der Flughafen Praha-Ruzyně wird dabei zu einem zentralen Beobachtungsort.

Der Vater beginnt, den Flughafen systematisch zu studieren: Einreiseformalitäten, Passkontrollen, Zoll, Wegeführung, Nebenräume, Toiletten, Restaurants. Er beobachtet aufmerksam Abläufe und Strukturen. Im Vergleich zur DDR empfindet er die Atmosphäre hier als relativ locker, ohne jedoch nachlässig zu wirken. Er vermutet, dass die stärkere Anbindung an den Westen eine Rolle spielt.

Parallel dazu hält die Mutter an ihrem Studium fest und möchte ihren Abschluss in Kunsterziehung und Deutsch unbedingt machen, auch wenn unklar ist, welchen Wert dieser im Westen hätte. Währenddessen erhält der Vater über einen Kollegen an der Universität Zürich Kontakt zu einer Person, die beruflich oft am Prager Flughafen ist.

Unter dem Vorwand, für eine Reportage zu recherchieren, sucht er diesen Mann auf. Im Gespräch gelingt es ihm sogar, dessen Pass zu sehen. Dabei stellt er fest, dass der Einreisestempel mit seinem eigenen identisch ist – ein Detail, das für die weitere Planung entscheidend wird. Das Kapitel zeigt, wie aus vagen Fluchtgedanken zunehmend konkrete, fast technische Vorbereitungen werden.

Informationen

Titel

AutorIn

ISBN

Veröffentlichung

Anzahl Seiten

Fluchtnovelle

Thomas Strässle

2024

122

Kleine Spende? 🙂

Es freut mich sehr, dass du diese kleine Website verwendest! Schonmal vielen Dank dafür!
Leider ist es nun mal so, dass es nicht kostenlos ist, eine Website zu betreiben. Hosting, Domain und weitere technische Dienstleistungen müssen bezahlt werden. Zusätzlich kommt noch die Zeit hinzu, die ich investiert habe, um die Site und den Inhalt zu erstellen.
Wenn dir die Inhalte von matura.ch.eu.org bei der Auswahl deines nächsten Buches, bei der Vorbereitung auf Prüfungen oder Ähnlichem geholfen hat, wäre es cool, wenn du ein kleines Dankeschön via PayPal hinterlässt 🙂
Ich danke dir!